Leseprobe

Hallo meine Lieben,

heute darf ich euch etwas für mich ganz Besonderes zeigen: Eine Leseprobe von

VIRIDIS

Der Seelenfänger

Ich würde mich über Kommentare bzw. Rückmeldungen sehr freuen. Und nun wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen:

Am Ende betrachtet hätte man sagen können, dass das alles ein Fehler gewesen sei. Die falschen Freunde, ohne die ich nicht dort gelandet wäre. Die falsche Zeit, in die mich meine Mutter hinein geboren hatte. Der falsche Ort, an dem ich beschlossen hatte, der Langeweile heißer Sommertage Einhalt zu gebieten. Doch unweigerlich, und das wusste ich, hätte nichts daran vorbei geführt, dass es passiert wäre. Und ich würde alles noch einmal so machen, wie ich es getan hatte.

***

»Bis in zwei Wochen«, murmelte ich meinem Bruder zu, umarmte meine Mutter und stieg in den Bus ein. Aufgeregt winkte mich meine Freundin Leyla zu sich. »Na, wie glaubst du, wird’s dieses Jahr wohl im Camp werden?«, fragte sie, sah mich aber nicht wirklich an. Mit einem Schulterzucken grummelte ich »Mal seh’n«, bis ich bemerkte, dass sie mit ihren friedhofsgrau gefärbten Haaren spielte. Ich folgte ihrem Blick und stellte mit Schrecken fest, dass sie Noah anglotzte.

Sie war erst seit zwei Jahren Teil unserer Gruppe, nicht so wie der Rest, der sich mehr oder weniger seit Kindertagen an kannte. Ihre zugegebenermaßen reiche Familie war in unsere Straße gezogen, ganz ans Ende, in ein protziges Haus mit riesen Garten. Gut, an dieser Stelle muss man erwähnen, dass ich anfangs nicht gerade gut über sie gedacht hatte, weil ich annahm, sie wäre die dumme reiche Göre von nebenan, der man haufenweise Geschenke nachtrug sobald sie mit dem Finger schnippte. Sie war zwar, nach näherem Kennenlernen, schon nett, aber meine beste Freundin würde sie wohl nie werden, allein deshalb schon, weil ich das blöde Gerede hinter dem Rücken anderer nicht leiden konnte. Doch konnte man oberflächlich gesehen gut mit ihr befreundet sein, anvertrauen sollte man ihr aber trotzdem nichts. Natürlich konnte ich mich auch täuschen, aber ich hatte schon länger vermutet, dass sie mit ihrem Verhalten nur die Aufmerksamkeit ihrer ständig abwesenden, aufgetakelten Schicki-Micki-Mutter auf sich ziehen wollte.

Immer noch starrte sie Noah’s Hinterkopf an, als würde er sie hypnotisieren. »Ehrlich?«, fragte ich ungläubig und schüttelte den Kopf. Er war in den Bus gestiegen und hatte uns dank Leylas greller Stimme auch augenblicklich entdeckt. »Hi«, sagte er beschwingt und lächelte sein strahlendes Lächeln, von dem er wusste, dass die Mädchen nur so drauf flogen. Leyla, die annahm, das Lächeln galt bloß ihr allein, versuchte sich an einem verführerischen Augenaufschlag, den Noah nicht bemerkte, weil ihm in dem Moment Raffa auf die Schulter klopfte. »Ciao.« Raffa strahlte übers ganze gebräunte Gesicht bis er Leyla erblickte, die ihn unglaublich zu nerven schien. »Hübsche Kriegsbemalung«, lachte er über ihre doch recht eigenwillige, dunkle Schminke, die sie wohl wieder einem der Bandmitglieder von „Support Mach!ne“ nachempfunden hatte, die sie im Kerrang! Magazine gefunden hatte und so sehr liebte. Raffa hingegen wandte sich dann an mich und meinte: »Toll dich zu sehen, Helena.«

Die beiden Jungs setzten sich vor uns und begannen über Videospiele zu diskutieren. »Er hat so wunderschöne blaue Augen«, schwärmte Leyla nun flüsternd über Noah, in den sie verliebt war, seit sie zum ersten Mal ein Bild von ihm gesehen hatte. Raffas Scherze über sie hatte sie gar nicht bemerkt und ihre dunklen Augen glänzten vor Freude: »Und erst sein Lächeln!« Sie sah verträumt aus dem Fenster, dann zu mir und schlussendlich fixierte sie Noah’ dunkelhaarigen, strubbeligen Hinterkopf. Verträumt spielte sie mit ihren rosa Haaren.

»Hallo, Lena!«, rief Callida, meine beste Freundin, als auch sie herein kam. »Hey!« Ich stand auf und nahm sie in den Arm. »Toller Rucksack!«, merkte ich an, als sie sich umdrehte. »Oh, danke. Bin ohnehin erstaunt, dass ich den haben darf. Schließlich kannst du dich ja sicherlich noch an den letzten erinnern…« Sie grinste und setzte sich gegenüber von uns hin.

Und ob ich das konnte! Ich glaube, den würde nie jemand vergessen … Ihre Eltern, beide Ärzte, schienen es damals irgendwie lustig zu finden, ihr einen weißen Rucksack mit rotem Kreuz zu schenken, den sie dann tragen musste. Selbst wenn man sie nicht kannte, wusste man spätestens dann, welchen Beruf ihre Eltern hatten. Der Gedanke allein ließ mich laut auflachen.

Und nicht zuletzt Mary’s Reaktion, die doch allen ernstes gefragt hatte, ob sie gerade einen Urlaub in der Schweiz gemacht hätte.

Schon einige Sekunden später nahm nun auch Mary neben ihr Platz. Callida rutschte ein wenig weiter weg und sah stur aus dem Fenster. Sie mochte Mary nicht, das wusste ich ja bereits. Aber das hätte sie nie gesagt. Allein schon wegen mir nicht, da sie wusste, dass ich sehr wohl mit Mary befreundet war. Freunde ihrer Freunde sind auch ihre Freunde, sagte sie immer. Und wenn sie die tausendmal nicht leiden konnte.

Immer noch rutschte Callida etwas hin und her und schien neben der braun gebrannten, stämmigen Mary noch blasser und zierlicher zu wirken als sie es ohnehin schon war. Sie schloss die Augen und ich wusste, dass sie bis zehn zählte, was sie immer tat, wenn sie etwas aufregte. Mary hingegen machte es sich noch gemütlicher und breitete sich über fast eineinhalb Sitze aus. Doch schließlich war das auch Urlaub für sie. Weg von der viel zu kleinen Wohnung, in der ihre Eltern auch noch die Oma und ihre drei Katzen untergebracht hatten.

Nun fehlte von unseren Freunden nur noch Alan, der bislang noch nie als Letzter eingetrudelt war. »Uuh, schau mal! Da ist Stephen!«, quietschte Leyla und deutete auffällig mit dem Finger auf den fetthaarigen Jungen mit der Brille. Ich wollte schon ein »Sei doch nicht so gemein« murmeln, als ich hinter ihm Alan’s igelige, dunkelblonde Frisur hin und her wackeln sah. Dieser setzte sich, eher widerwillig, neben Stephen, weil es der einzige noch freie Platz im Bus war. Stephen hingegen bemerkte gar nicht, dass er nun einen Sitznachbarn hatte, weil er ständig auf seinem Gameboy rumdrückte. Alan, sichtlich genervt, schnitt Grimassen und schien es nicht mal zu bemerken.

»Freust du dich schon aufs Camp?«, fragte ich ihn. Ungewohnt unfreundlich, was ich gar nicht von ihm kannte, schnaubte er und starrte seine Füße an, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. War wohl nicht sein Tag.

»Endlich sind wir da! «, stöhnte Alan, als wir schließlich stehen blieben, sank aber gelangweilt in seinen Sitz zurück, als er merkte, dass wir nur kurz angehalten hatten, um nach dem Weg zu fragen. Warum musste die Camp-Leitung eigentlich immer Häuser in Orten wählen, die sie selber nicht kannte und, aufgrund ihrer mangelnden Orientierungssinne, auch immer erst im zweiten, dritten, manchmal sogar erst im vierten Anlauf das fanden, wonach sie eigentlich suchten?

Doch Gott sei Dank waren wir gar nicht weit von der Unterkunft entfernt, die wir so verzweifelt suchten. »Mann, ich hoffe, wir sind bald da! «, meinte Alan und rieb sich den Bauch. Er hatte Hunger. Wie immer. Noah grinste ihn an. Und dann, nach einer halben Ewigkeit, waren wir endlich da. Trotz genauester Wegbeschreibung hatten wir uns noch zwei Mal verfahren. Und solchen Menschen vertraute man eine Woche lang seine Kinder an.

Zuletzt kamen wir noch an einem See vorbei, der in der Sonne glitzerte. Am liebsten wäre ich vom stickigen, erhitzten Bus sofort ins Wasser gesprungen. Doch zwei Minuten später waren wir endlich da.

»Euer Zimmer ist viel größer als unseres! «, bemerkte Noah, als er, Alan und Raffa zur Tür hereinkamen, »Lass mich raten, Lena: Du schläfst in dem Stockbett und zwar oben, oder?!« Ich grinste schief. Anhand der cremefarbenen Bettwäsche mit den Federn darauf würde man mich wahrscheinlich sogar in einem 16-Betten-Zimmer kinderleicht auf den ersten Blick erkennen.

»Wollt ihr mal mit zu uns kommen? Dann seht ihr, was ihr hier für einen Luxus genießt, während wir auf engstem Raum zusammengepfercht hausen müssen! «, meinte Raffa und schien mal wieder maßlos zu übertreiben. Ich ließ meine Tasche fallen, in der meine ganzen Sachen waren und folgte den anderen aus dem Zimmer.

Als wir in ihr Zimmer kamen, wussten wir, dass Raffa in keinster Weise übertrieben hatte. In einem winzigen Zimmer hatte man es geschafft, dennoch zwei Stockbetten und einen für vier Personen viel zu kleinen Schrank unterzubringen.

Plötzlich erklang die grelle Stimme einer der Leiterinnen dröhnend durchs ganze Haus: »Wir wünschen euch einen guten Abend! Wie schön, dass wir heuer wieder alte wie neue Gesichter begrüßen dürfen. In einer Stunde gibt es Abendessen. Bis dahin könnt ihr euch gerne der Bastelgruppe anschließen.« Ich sah die anderen an. Ich stand mit Kleber und Schere auf Kriegsfuß, die Bastelgruppe war daher für mich absolut keine Option. Und die anderen schienen auch nicht sonderlich begeistert davon zu sein. Das war mehr was für die jüngeren Kinder, die sich für Muschelkrebse erwärmen konnten. Ich fühlte mich eindeutig zu cool dafür. Auch wenn die Muschelkrebse irgendwie schon süß – NEIN, zu cool!

»Was machen wir stattdessen?«, fragte ich. »Tja… hm«, begann Callida, verfiel dann aber in ein Schweigen und starrte zur Decke. »Wir könnten doch das Haus erkunden«, schlug Mary nach einer kurzen Denkpause vor und wir nickten. Mary war immer ein wenig draufgängerischer als wir gewesen, was vielleicht nicht zuletzt daran lag, dass sie vor einigen Jahren noch kurzzeitig bei ihrer Mutter gewohnt hatte, die in einer wirklich schlimmen Gegend wohnte. Als ihr Vater sie dann zu sich nahm verbesserte sich ihre Situation zwar, aber war aufgrund der winzigen Wohnung immer noch fernab von dem, das wir verwöhnten Gören gewohnt waren.

Den Keller durchforstend sahen wir, dass hier nur die Vorräte aufbewahrt wurden und nachdem wir dort ein paar Süßigkeiten geliehen hatten, schlichen wir uns nach oben schnurstracks Richtung Dachboden, da jederzeit eine der Betreuerinnen durch die Stöcke patrouillieren könnte. Sie sagten zwar, die Bastelgruppe wäre freiwillig, aber das war schier gelogen. Jedes Jahr wurden wir dazu gezwungen, Sachen aus Krepppapier und Pfeiffenputzern zu basteln, die wir, eines hässlicher als das andere, bis zum letzten Tag verschwinden ließen. Mit den Jahren, in denen wir mitgefahren waren, um den nörgelnden Alten in unserer Nachbarschaft zu entgehen, die sich über die Jugend aufregten und uns wüst beschimpften, hatten wir gelernt, der gefürchteten Bastelgruppe zu entgehen. Nicht zuletzt deshalb, weil meine Basteleien meist in einem totalen Fiasko endeten.

Da es ja verpflichtend war für alle, schienen es die Betreuer gar nicht für notwendig zu halten, mal durchzuzählen. Immerhin sollten ja alle da sein.

Und so schlichen wir uns Jahr für Jahr weg und streiften verbotenerweise durchs Haus oder die umliegende Gegend.

Wir machten uns also auf den Weg zum Dachboden. Oben angekommen bemerkten wir zuerst den Staub. Er war schier überall. Sogar die Luft schien mehr Staub zu beinhalten als nötig. Ich verfiel in einen Hustenanfall. »Schön, schön, schön«, sagte Raffa und ließ sich auf ein muffig riechendes Sofa fallen.

Als wäre es schon nicht genug gewesen, stieg auch davon noch eine gewaltige Staubwolke auf, die im spärlichen Nachmittagslicht sogar noch ein wenig romantisch wirkte. Während ich versuchte, mir nicht die Lungen aus dem Hals zu husten, besah sich Callida den alten grauen Schrank etwas näher und fand augenblicklich ein hässliches, aus der Mode gekommenes rosa Kleid mit Rüschen. Bevor ich aber darüber lachen konnte, hatte sie es mir schon an den Kopf geworfen. Als ich mich endlich davon befreit hatte, hatte sie schon den passenden Hut dazu gefunden.

Aber außer den Vintage-Klamotten in dem streng riechenden Schrank und dem ausgeblichenen Gartengnom, den Noah zum Gott des Dachbodens erklärte, fanden wir nichts mehr. Doch die Stunde war wie im Flug vergangen und nach dem Abendessen waren wir sogar zu müde, um die Umgebung bei Nacht anzuschauen. Doch dafür würde vermutlich ohnehin noch genügend Zeit bleiben. Dachten wir zumindest.

Ich erwachte aus einem Traum und konnte mich weder daran erinnern, schlafen gegangen zu sein, noch an den Traum selbst, der mit Sekunde zu Sekunde zu verblassen schien, mir aus den Händen glitt, je verzweifelter ich mich versuchte, daran zu klammern.

Ich wollte mich umsehen, aber weder war der Raum vom silbernen Mondlicht ausreichend erleuchtet, das durch das runde Fenster neben meinem Bett einfiel, noch konnte ich meinen Kopf drehen. Mein Herz machte einen Aussetzer. ‚Ich muss noch träumen’, dachte ich so bei mir. Trotzdem war ich so von Furcht erfüllt. Von Schlafparalyse hatte ich schon gehört, aber noch nie erlebt, wie es wirklich war. In einem Körper gefangen zu sein, den man nicht kontrollieren kann, ist ein Traum, den man nicht zu Ende träumen will.

Ich schrie, um mich selbst aus dieser Misere zu befreien und zum Aufwachen zu zwingen. Doch kein Laut kam über meine zusammengepressten Lippen, die ich nicht einmal einen Spalt weit auseinander brachte.

Mein Körper bewegte sich selbstständig aus dem Bett. Ich stand und konnte die anderen sehen, deren verzweifelte, verwirrte Blicke mich trafen und ich erkannte mit Schrecken, dass sie unter dem gleichen Bann stehen mussten wie ich es tat. Ganz still zogen wir uns an, während wir nur zusehen konnten, dann gingen unsere Körper nach draußen, wo schon Raffa, Alan und Noah warteten, ebenso ängstlich blickend wie wir. Nach unten und durch die Tür hinaus ins Freie gingen wir, gefangen in uns selbst.

Ich wusste, dass eine Welle der Panik über mich hereinbrechen hätte müssen, doch ich fühlte nichts.

Mein Körper begann zu rennen.

Ein loderndes Feuer kochte in mir hoch. Ohne es erklären zu können spürte ich Mut und Hoffnung und etwas, das sich anfühlte wie Erleichterung. Genau in dem Moment sprang das Feuer auf meine Lungen über und löschte die positiven Gefühle aus. Was blieb war der unsäglich brennende Schmerz. Aber es war nicht an mir zu entscheiden stehenzubleiben, meine Beine schienen nur noch schneller zu laufen, vorbei an einem Gewirr aus zusammenfließenden Baumstämmen und Blättern, als mir der Wind in die Augen stach. Meine nackten Füße, berührten feuchte, weiche Erde und ich wusste, wir waren am See. Ich verfluchte meinen sich von selbst bewegenden Körper, der einzig die Schuhe vergessen hatte! Das silberne Mondlicht schien auf die vom Wasser polierten Kiesel und den See, wie er dunkel und unheilvoll vor uns lag. Wollen uns unsere Körper umbringen?, schrien meine Gedanken panisch, doch fürchtete ich die Antwort zu sehr.

Ich atmete schwer, als wir den kieseligen Untergrund erreichten. Meine Ballen schmerzten, doch es war mehr als nur das. Die Gewissheit, hilflos mit ansehen zu müssen, wie wir alle ertrinken würden, stach mehr als die kleinen Steinchen es je könnten.

Und dann erreichten wir das Wasser. Bevor ich jedoch bemerken konnte, dass das Wasser kalt war wie Eis, fühlte ich mich zerrissen. Als hätte jemand in meine Brust gegriffen und mich an den Rippen auseinander gezogen. Ein lang gezogener Schrei wollte über meine Lippen kommen, doch noch immer war ich unfähig etwas zu sagen. Der Schmerz, den ich spürte, war nichts im Vergleich zu der Angst, die ich gleich erfahren sollte: Ich sah die anderen, wie sie, jeder einzelne, in Stücke zerbarsten in dem Moment, als sie die Oberfläche berührten. Ich wollte weinen, schreien, fluchen, doch die Welt hüllte mich in Dunkelheit und ich war nichts.

Als meine Füße hart aufschlugen, fiel ich vornüber und wollte die Augen nicht öffnen. »Alles in Ordnung?«, hörte ich jemanden fragen. Meine Glieder fühlten sich an, als hätte ich mich seit tausenden Jahren nicht bewegt. Vögel zwitscherten irgendwo weit über mir. Ich hörte den Wind in den Blättern rauschen und fühlte das steife Gras unter mir. Tief einatmend öffnete ich die Augen. Die anderen waren halb liegend, halb schon auf den Beinen, als Noah Callida hoch zog. »Komm, ich helf’ dir auf«, sagte Raffa und spielte mit seinen auftrainierten Muskeln, bevor er mir seine Hand hinhielt. »Danke«, ich lächelte und sah mich auf der Lichtung, auf der wir gelandet waren, um.

Aber war ich zu schnell aufgestanden, alles begann sich zu drehen und die Welt tauchte in Finsternis, bevor sie sich langsam, fleckig wieder auftat. »Setz dich«, sagte Raffa, hob mich kurzerhand hoch und trug mich zu einem Stein, auf dem er mich absetzte.

»Weiß jemand, wie wir hier gelandet sind?«, fragte Alan. »Ich habe euch in tausend Stücke zerbersten gesehen«, antwortete ich und musste einen Brechreiz unterdrücken, »jeden von euch. Am See.« Meine Kehle fühlte sich pelzig an und rau, als hätte ich schon gereihert. »Ich kann mich weder erinnern, eingeschlafen zu sein, noch kann ich logisch nachvollziehen, was mit uns passiert ist. Ich denke, ich bin einem Traum gefangen und ihr mit mir«, erklärte Callida. »Es fühlte sich so echt an«, erwiderte Leyla und starrte ins Nichts. Sie röchelte und übergab sich. Ich musste ebenso einen Brechreiz unterdrücken und schloss die Augen.

»Wo zum Geier also sind wir?«, fragte Raffa nun, tippte sich mit seinen langen Fingern an die Schläfe und kratzte sich das schwarzblaue Haar. Ich sah mich um, als ich es wieder für sicher hielt, mich etwas anderem zu widmen als dem Unterdrücken meines Brechreizes. Alles sah aus wie zuhause. Bäume, die so hoch gewachsen waren und so eng bei einander standen, dass man ihre Wipfel nicht sehen konnte. Stacheliges Gras, das in meine nackten Zehen stach und Singvögel, die ihre Lieder von den fernen Baumkronen trällerten.

Doch irgendwas, und ich konnte beim besten Willen nicht ersinnen was, war anders als es zuhause war.

Immer noch hatte ihm keiner eine Antwort gegeben. Noah, alles akribisch begutachtend wie man es den Deutschen nun mal eben nachsagte, ging die Lichtung, auf der wir aufgewacht waren, auf und ab.

Leyla und Mary tuschelten.

Callida tat es mittlerweile Noah gleich, doch keiner der beiden kam zu einer Antwort. »Ich denke wir sind schlafgewandelt«, sagte ich dann, »wir müssen in der Nähe des Hauses sein.« »Dem Stand der Sonne nach zu urteilen ist es später Vormittag. Wir sind mitten in der Nacht zum See gelaufen. Wenn wir also von da an weiter gegangen sind, dann müssen wir meilenweit vom Haus entfernt sein!«, erwiderte Alan nachdenklich und rieb sich am Kinn.

Leyla übergab sich gleich noch einmal und die spritzenden Geräusche, die sie dabei machte, hallten auf der Lichtung wider. Ich konzentrierte mich schnell auf etwas anderes. Sorgsam legte ich meine Hände auf die Augen und starrte in die Dunkelheit. Sogar das fühlte sich anders an als zuhause!

»Wir müssen aus diesem Wald raus, damit wir die Umgebung sehen, sonst können wir uns nicht orientieren…«, sagte Noah. »Oder wir klettern auf die Bäume wie Bilbo und die Zwerge und sehen uns um«, warf Alan ein und grinste.

Als ich gerade wieder aufstehen wollte, stieß ich mit dem Fuß gegen etwas Metallisches. »Klonk«, machte es und plötzlich schmerzten meine Zehen höllisch. Ich war gegen ein Stück Metall gestoßen, die in den Boden eingelassen war. Staub und Schmutz hatten darüber gelegen und sie vor meinen Augen versteckt.

Raffa, der neben mir in die Hocke gegangen war, pustete den Staub weg. Hustend hielt ich mir die Hand vors Gesicht, meine Augen tränten und ich quetschte bloß zwischen den Zähnen hervor: »Sag mal spinnst du?«

»Tschuldigung …«, meinte er und beugte sich über die Tafel, als die sich das Stück Metall nun heraus stellte. Für ihn standen die eingravierten Buchstaben auf dem Kopf, so murmelte er: »Ahm … Lena…würdest du?« Ein letztes Mal rieb ich mir die Augen und schaute mir die Lettern an, die zwar lesbar waren, für mich aber keinen Sinn ergaben. Ich kannte die Sprache nicht. Gut, ich sprach nur eine Fremdsprache und das war definitiv nicht diese.

Ich formte die Worte zuerst lautlos, dann begann ich mit fester Stimme zu lesen, doch ich wurde durch ein Rascheln im Gebüsch gegenüber von mir unterbrochen. Erschrocken sah ich auf. Auch die anderen schienen es bemerkt zu haben und versuchten, verwirrt dreinschauend, einen Blick durch die Blätter zu erhaschen. Doch da war nichts zu sehen. Kein verräterischer Schatten, keine Bewegung. Noah, der offensichtlich zu faul war, rüber zu gehen, um nachzusehen, warf einen Stein ins Gebüsch, doch noch immer regte sich nichts. Vielleicht der Wind.

Erneut begann ich die mir unbekannten Worte auszusprechen und war schon bei der Hälfte, als ich einen dumpfen Plumps auf dem staubtrockenen Waldboden hörte. Genervt sah ich auf und wollte die Jungs schon um mehr Aufmerksamkeit ermahnen, da ich in ihnen den Ursprung dieser neuerlichen Unterbrechung sah. Doch ich stutzte. Mein Ärger wich. Ein Eichhörnchen. Davor hatte ich mich also zuvor erschreckt. Ich schüttelte ungläubig meinen Kopf und las zu Ende.

Der Satz endete mit einem letzten Laut, der über meine nervös zitternden Lippen drang, doch das Abenteuer hatte dort gerade seinen Beginn genommen. Die Tafel explodierte und schleuderte Steinchen und Erdbrocken in mein Gesicht. Instinktiv hielt ich mir die Hände vors Gesicht und fiel nach hinten. Meine Ohren waren von einem Klingeln erfüllt. »Alles in Ordnung?«, fragte jemand und packte mich an der Schulter. »A-alles b-bestens«, sagte ich abwesend und sah mich um. »Was hast du da gelesen?«, fragte Alan. »Weiß nicht, hab aber sicherlich alles falsch ausgesprochen, sonst wär’ das Ding nicht explodiert.« Traumlogik. »Latein«, erklärte Raffa und wackelte wichtigtuerisch mit den Augenbrauen.

»Hm…«, sein Gesichtsausdruck veränderte sich. Als hätte er etwas gegessen, das er eigentlich mochte, doch dieses Mal schmeckte es irgendwie anders. Er räusperte sich, ich wurde unruhig.

»Na was ist jetzt? Kannst du mal mit der Sprache rausrücken?«, fragte Leyla aufgekratzt mit schriller Stimme. Er ließ sich noch ein wenig Zeit. »Komm schon, Mann. Ich will hier weg. Keine Ahnung, wieso euch diese dumme Tafel interessiert, aber ich will hier einfach nur raus aus dem Wald. Wir werden schon genug Ärger bekommen, da müssen wir nicht noch ein wenig trödeln«, nörgelte Noah und zog an Raffa’s Hemd.

»Dir ist bewusst, dass die Tafel soeben explodiert ist, nachdem wir von ihr gelesen haben, oder?«, erwiderte Callida verärgert. »Wie Zauberei!«, warf ich ungläubig ein. Ich blieb dabei. Es war ein Traum. Unerklärliche Dinge passierten. Und dann wacht man irgendwann auf. »Schhhhhh!«, machte Raffa laut und spreizte die Arme.

Nun war auch mein Interesse geweckt und die Spannung in mir schien mich zerreißen zu wollen. Ich fühlte mich unwohl in meinem Körper, zappelig und nervös. Dieses Gefühl kannte ich nur zu gut. Am liebsten wäre ich aus der Haut gefahren und hätte es hinter mir gelassen.

»Des Rates der Prinzen Erben,

sieben auf Viridis’ Boden wandeln werden.

Dunkel durch Dunkel zu bezwingen,

das unbeschrieben’ Blatt den Sieg wird erringen.

Einst unbeschrieben, im Dunkel geschwiegen,

aus dem Nebel hervor zu alter Kraft entstiegen.«

 

»Ah ja«, sagte Noah nicht mal ansatzweise interessiert und setzte sich auf einen Felsbrocken. «Bist du nicht beunruhigt?«, fragte ich leise. »Das ist – entschuldige – war eine dumme Nachricht auf einer dummen Tafel in einem fürchterlich langweiligen Wald. Und nur weil wir – rein zufällig -«, er betonte das mit einer lächerlich überspitzten Stimme, »-sieben sind, heißt das nicht, dass es uns gilt. Offensichtlich will uns jemand verarschen. Oder wir träumen einfach nur einen totalen Blödsinn, weil wir diesen ekligen, uralten, Bazillen befallenen Staub geschluckt haben oben in diesem verdammten Dachboden. Hör also auf, dir Sorgen zu machen, Kleine!«

»Wenn das bazillenbefallener Staub war, haben wir weit größere Probleme, als du es den anderen Glauben machen willst«, schaltete sich Callida ein. Oft war es zwar schön, dass man merkte, dass ihre Mutter Ärztin war und sie sich dadurch auch schon für die Medizin interessierte, aber gerade eben ging es mir gehörig auf den Keks. Ich wollte keine wissenschaftliche Analyse über Staub in meinem Traum hören, ich wollte Zauberei und Drachen, Elfen und eine Menge Abenteuer! Ich wollte den besten Traum aller Zeiten!

Schließlich war es mein Traum, auch wenn sie vorhin was anderes angedeutet hatte. Aber das war sicherlich nur, um mich im Traum noch mehr zu verwirren.

»Also können wir jetzt BITTE endlich nachsehen, wo wir sind?«, fügte Alan an und ging schon in Richtung der nächstgelegenen Baumgruppe.

Genau dann sah ich ein fürchterlich muskulöses Bein, gekleidet in Stiefel und Beinschienen, aus dem Gebüsch steigen. Das Blut in meinen Adern begann zu rauschen, ein plötzlicher Schwindel überkam mich. Abenteuer! Ich wollte Abenteuer und Zauberei und gute Dinge! Das Wesen, das aus dem Gebüsch stieg, zog ein langes, in der Nachmittagssonne matt glänzendes Schwert, auf dem noch einige Blutflecken haften geblieben waren. Seine Rüstung war wettergegerbt und schien, als hätte es sie seit Jahren nicht ein einziges Mal abgelegt. Angst kroch in mir hoch, auch wenn ich immer noch träumte.

Seine wilden, gelben Raubtieraugen blitzten auf, als würde es meine Angst schier riechen.

***